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Offener Brief die Bedrohung von Flüchtlingen in Wolgast Nord betreffend

Bürgermeister der Stadt Wolgast
Herrn Stefan Weigler
Burgstraße 6
17438 Wolgast

Sehr geehrter Herr Bürgermeister,

wir alle konnten am 20. September einen Beitrag in „Panorama“ sehen, der uns das Blut in den Adern gefrieren ließ: 20 Jahre nach dem Pogrom in Rostock-Lichtenhagen wird in Wolgast Nord vor laufenden Kameras mit einem Angriff auf den Wohnblock gedroht, in dem bereits die ersten Familien von insgesamt 200 Flüchtlingen eingezogen sind. Über die Grünfläche im Innenhof erschallt aus Verstärkern Nazi-Musik mit Mordaufrufen.
Sie meinen, den Zuschauern zeigen zu müssen, dass die für die Flüchtlinge vorgesehenen Räume – eher an Zellen als an Wohnraum erinnernd – „mehr als spartanisch“ eingerichtet sind. Das beschämt uns, weil es unterstellt, es sei öffentlicher Auftrag, Menschen, die in Deutschland Schutz suchen, auf keinen Fall freundlich zu empfangen. Zugleich schwenkt es auf das rassistische Ressentiment ein, das Anwohner/innen artikulieren – öffentlich, und sicher nicht weniger ohne Mikrophon. Auch das erinnert an die Situation vor (und nach) dem Pogrom in Lichtenhagen.
Angesprochen auf die unmittelbaren Drohungen und die daraus ersichtliche Gefahr für die Bewohner/innen des Blocks antwortet der Vertreter des Landkreises, dass den Flüchtlingen nichts zugemutet werde, was er nicht auch „deutschen Bürgern zumute“, die Bedrohung bewege sich „im Rahmen des Normalen“. Mit Verlaub: das scheint uns angesichts der realen Situation zynisch!
Auf der Website der Stadt können wir mittlerweile nachlesen, dass die Bürger/innen von Wolgast durch den Panorama-Beitrag „verunglimpft“ würden. Die Rede war aber nicht von „weiten Teilen der Bevölkerung“, sondern von den Nachbarn, denen die Flüchtlinge ausgesetzt sind.
Sehr geehrter Herr Bürgermeister, wir erwarten, dass Sie dieser Situation ein Ende machen und dafür Sorge tragen, dass den Flüchtlingen eine sichere und menschenwürdige Unterkunft angeboten wird.
Wir werden in den nächsten Wochen nach Wolgast kommen, um uns persönlich ein Bild zu machen und den Flüchtlingen zur Seite zu stehen. Dabei möchten wir gern auch Ihnen einen Besuch abstatten.

In Erwartung Ihrer Antwort verbleiben wir

mit freundlichen Grüßen

Prof. Dr. Heinrich Fink & Cornelia Kerth
Vorsitzende

Offener Brief Ihr Verbot der Beratung von Asylbewerbern durch Jura-StudentInnen betreffend

Landkreis Vorpommern-Greifswald
Frau Dr. Barbara Syrbe
Demminer Straße 71 -74
17389 Anklam

Sehr geehrte Frau Landrätin,

ist es wirklich wahr, dass Sie StudentInnen verbieten, weiterhin eine Beratungssprechstunde für Flüchtlinge anzubieten, weil diese dort über ihre Rechte informiert werden?

Wir wollten es zunächst nicht glauben! Seit wann braucht man eine Erlaubnis um Menschen in Not zu helfen?

Seit fast 20 Jahren ist die VVN-BdA Trägerin der Hamburger Anlaufstelle für Flüchtlinge „Café Exil“, in der Flüchtlinge ehrenamtlich und solidarisch beraten, begleitet und unterstützt werden. Seit auch in Hamburg neu ankommende Asylsuchende in die schrecklichen Lager in Horst und am Hamburger Flughafen gesperrt werden – allein das grobe Missverhältnis zwischen verfügbaren Mitteln und Kosten des Transportes macht es schwer, das Lager zu verlassen – haben wir einen Beratungsbus angeschafft, um auch den Menschen dort die Unterstützung zukommen zu lassen, die sie brauchen, um eine minimale Chance gegen die restriktive Asyl-Gesetzgebung und das mit seiner Umsetzung beauftragte Personal zu haben.

Wir haben niemanden um Erlaubnis gefragt! Alle, die sich an dieser Arbeit beteiligen, tun dies, weil es sich dabei um ein Gebot von Menschlichkeit und Solidarität handelt.

„Es ist das Recht eines jeden Menschen, Rechte zu haben und über sie auf geklärt zu werden,“ schrieb die Menschenrechtsbeauftragte der Nordkirche, Fanny Dethloff, als Kommentar zu einem Artikel über Ihr Verbot und verwies auf die in vielen Ländern üblichen „Refugee Law Clinics“ und die entsprechende Seite des UNHCR. Dem schließen wir uns an.

Sehr geehrte Frau Landrätin,

wir erwarten, dass Sie die minimale Hilfe, die „die Zivilgesellschaft“ Flüchtlingen anbietet, nicht weiter verbieten, sondern dass die jungen Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren, von Ihnen Unterstützung erwarten können.

Mit freundlichen Grüßen

Prof. Dr. Heinrich Fink &Cornelia Kerth
Vorsitzende

Redebeitrag der LOBBI (Beratung für Betroffene rechter Gewalt in MV)

Vor 20 Jahren brannte im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen das „Sonnenblumenhaus“. Diese Bilder gingen um die Welt und markierten den brutalen Höhepunkt des größten rassistischen Pogroms der bundesdeutschen Geschichte.
Noch immer stellen sich viele Fragen um diese Tage im August 1992 und wie so oft gibt es gerade an „Jahrestagen“ das Bedürfnis, darauf Antworten zu finden.

Wie konnte es im Sommer 92 zu einem Pogrom kommen, an dem mehrere hundert Menschen aktiv beteiligt waren und der von einigen tausend Menschen vor Ort bejubelt und unterstützt wurde?

Von frustrierten und desillusionierten Menschen ist dann oft die Rede, die in Folge von Wende und Wiedervereinigung Jobs und Perspektiven verloren hätten. Und die nun auch noch mit einem hoffnungslos überfüllten Flüchtlingswohnheim in ihrem Wohngebiet konfrontiert wurden.
Sicher: Frust und Unsicherheit saßen bei vielen Menschen tief in dieser Zeit. Aber warum entlud sich dies in brutalstem Rassismus ?
Auch der Fokus auf die konkrete Situation in Lichtenhagen verschleiert mehr, als er zur Erklärung beiträgt.
Dazu ein kleiner Rückblick auf das Jahr 92 in Mecklenburg- Vorpommern:
14. März
In Saal bei Rostock überfallen 25 Personen ein Flüchtlingsheim und prügeln den 25jährigen Dragomir Christinel aus Rumänien zu Tode.
24. Mai
Rund 100 Personen überfallen ein Flüchtlingsheim in Güstrow. Zwei BewohnerInnen werden verletzt. Eine Frau wird mit einem Schock ins Krankenhaus gebracht.
28.August, 29. August und 1. September
Neonazis versuchen ein Flüchtlingsheim in Greifswald anzugreifen.
5. September
In Trassenheide, Kreis Wolgast greifen etwa 40 Personen ein Flüchtlingsheim an.
8. September
Brandanschläge auf Flüchtlingsheime in Wolgast und Anklam
9., 10. und 12. September
Angriffe auf ein Flüchtlingsheim in Bockhorst im Kreis Güstrow
15. bis 19. September
Fünf Tage lang greifen Neonazis ein Flüchtlingsheim in Wismar an. Unter dem Beifall von AnwohnerInnen setzen sie auch Steine und Molotowcocktails ein. Am 19. September werden außerdem Heime in Güstrow, in Kröpelin, im Kreis Malchin, in Schwerin und im Kreis Uckermünde angegriffen.

Diese Aufzählung ließe sich noch endlos fortsetzen, doch schon dieser kleine Ausschnitt macht vor allem eines deutlich: Rassistische Angriffe waren damals keine Ausnahme und hatten schon gar nichts mit besonderen, lokalen Gegebenheiten zu tun. Vielmehr sammelten sich überall im Land rassistische Mobs und versetzten jene in Angst und Schrecken, die vor Krieg, Verfolgung und sozialer Not in die BRD geflohen waren.

Und all das passierte nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern, sondern bundesweit. So hatten schon im Mai 1992 hunderte RassistInnen über mehrere Tage ein Flüchtlingsheim in Mannheim angegriffen.

Wenn also nach den Ursachen für die explodierende, rassistische Gewalt in den frühen 90er Jahren gefragt wird, so fällt uns darauf folgendes ein: jene Zeit war geprägt von einer Renaissance des Nationalismus, der 1990 einen enormen Aufschwung in Ost und West nahm und sich zunehmend aggressiv äußerte. Gleichzeitig befeuerten rassistische Debatten um das Recht auf Asyl in Politik und Medien eine immer offenere Ablehnung von Flüchtlingen und anderen MigrantInnen in weiten Teilen der Bevölkerung.
Wer also ernsthaft begreifen möchte, wie es dazu kommen konnte, dass damals Hunderte bereit waren, ein Haus anzuzünden, in dem sich fast 150 Menschen befanden, während Tausende applaudierend daneben standen, der muss vor allem den offenen, brutalen Rassismus dieser Zeit und dessen Ursachen in den Blick nehmen. Er ist nicht aus „Vorurteilen“ oder in den „Wirren“ der Nachwendezeit entstanden, sondern fruchtete auf dem Boden einer rassistischen Politik der Ausgrenzung.

Welche Lehren und Konsequenzen sind heute aus den damaligen Ereignissen zu ziehen?

Das Pogrom in Lichtenhagen steht bis heute auch für eine unglaubliche Ignoranz politischer VerantwortungsträgerInnen gegenüber den Betroffenen. Während der Mob in der Stadt tobte, wetterte der damalige Bundesinnenminister vor Ort erneut gegen den „Missbrauch des Asylrechts“ und den „unkontrollierten Zustrom in unser Land“. Neben den damaligen Kampagnen gegen die „Asylantenschwemme“ im Bundestag und in den Leitmedien wirken heutige neonazistische Mobilisierungen gegen einen vermeintlichen „Volkstod“ geradezu hilflos.

Nicht nur dass die Betroffenen des brutalen Rassismus keinerlei Unterstützung und Anteilnahme erfuhren. Sie wurden vielmehr zu den eigentlichen VerursacherInnen der Angriffe erklärt.

Und heute? Sind solche offensichtlichen Formen einer Täter/Opferverschiebung immer noch an der Tagesordnung?
Betrachten wir einmal den staatlichen Umgang mit den Morden des NSU.

Auf der einen Seite fällt uns die Gedenkveranstaltung im Februar diesen Jahres in Berlin ein. Die höchsten RepräsentatInnen dieses Landes verneigen sich vor den Opfern und entschuldigen sich bei deren Angehörigen, die ebenfalls zu Wort kommen.

Andererseits wissen wir alle, dass die Ermittlungsbehörden die Schuld für die Morde jahrelang bei den Opfern gesucht haben. In stundenlangen Verhören wurden Angehörige und Bekannte mit der Unterstellung konfrontiert, die Ermordeten seien in kriminelle Machenschaften verstrickt und deshalb ermordet worden. Die Sichtweise vieler MigrantInnen, die schon vor Jahren von rassistischen Tatmotiven ausgingen, wurde schlichtweg ignoriert. Ermittlungen in diese Richtung fanden – wenn überhaupt – nur halbherzig statt und wurden schnell wieder eingestellt.

Heute – neun Monate nach Bekanntwerden der rassistischen Mordserie – fehlt es noch immer an einer öffentlichen Debatte und konsequenter Aufklärung in Mecklenburg-Vorpommern, dem Bundesland in dem das neonazistische Terrornetzwerk offenbar gute Bekanntschaften hatte und in dem es nicht nur mordete, sondern auch Geld für das Leben im Untergrund raubte. Ein Untersuchungsausschuss, wie in anderen Bundesländern, fehlt genauso wie kontinuierliche und intensive journalistische Recherche.
Noch immer ist unklar, ob, wann und wie dem NSU-Opfer Mehmet Turgut in Rostock gedacht wird. Die Initiative zur Umbenennung jener Straße, in der er im Februar 2004 erschossen wurde, ist zumindest vorläufig gescheitert. An LokalpolitikerInnen, die „keinen Wallfahrtsort“ in ihrem Stadtteil haben wollen. Oder von „Opfern zweiter Klasse“ schwadronieren, denn schließlich würden nach Opfern anderer Morde ja auch keine Straßen benannt. Und man wisse ja gar nichts über den Ermordeten, der sich möglicherweise sogar ohne offizielle Genehmigung in diesem Land aufgehalten hat.

Ob diese verbalen Querschläger „nur“ Ausdruck der Unfähigkeit sind, die Tragweite der rassistischen Morde zu erkennen und Verantwortung zu übernehmen oder ob mehr dahinter steckt, sei erst mal dahin gestellt. In jedem Fall sind auch sie Ausdruck von Ignoranz gegenüber Opfern rassistischer Gewalt, wie sie auch 20 Jahre nach dem Pogrom von Lichtenhagen noch weit verbreitet ist.

Wir können und müssen auf diese Mängel hinweisen, wir müssen Rassismus identifizieren und bekämpfen – in der Politik und im Alltag.
Doch unsere wichtigste Konsequenz aus den Ereignissen vor 20 Jahren heißt: uneingeschränkte Solidarität mit Betroffenen rassistischer Gewalt – Immer, überall und auf allen gesellschaftlichen Ebenen!

Grußwort von Beate Klarsfeld

Liebe Freunde,

Ich bedauere es sehr, dass ich am heutigen Sonnabend nicht an Ihrer Veranstaltung teilnehmen kann.

Vielleicht ergibt sich eine spätere Möglichkeit, mit den Mitgliedern unserer Organistion, besonders mit denjenigen, die vor 20 Jahren dabei waren, zur offiziellen Einweihung dieser Tafel nach Rostock zu kommen.

Vor fast zwanzig Jahren, am 19. Oktober 1992 sich hat unsere Organisation “Les Fils et Filles des Déportés Juifs de France” (Söhne und Töchter der deportierten Juden aus Frankreich) aus eigener Initiative entschlossen, zusammen mit 50 unserer Mitstreiter, und unter ihnen auch viele Jugendliche aus jüdischen Organisationen, mit einem Bus nach Rostock zu reisen, es war eine lange Fahrt von mehr als 1 200 km, um in dieser Stadt unsere Solidarität den Opfern zu beweisen, die der gewalttätige rechtsextreme Mob verfolgte und sogar mit dem Tod bedrohte. Es waren viele Vietnamesen, Flüchtlinge aus anderen Ländern und insbesondere zahlreiche Roma.

Keine andere Organisation wollte uns zu dieser Demonstration die Hand reichen, obwohl die Lage doch klar durchschaubar war. Hier wiederholte sich etwas wie in den dreiziger Jahren. Wir waren ganz besonders betroffen von dem Rassenhass gegen die Sinti und Roma, die wie die Juden 50 Jahre davor in den deutschen Gaskammern ermordet wurden.

Wer anders als die Waisen der in Auschwitz vergasten Juden konnte hier die Alarmglocke ziehen und mit einer spektakulären Aktion die Öffentlichkeit aufrütteln. Wenn man die Presse hierzu liest, können wir sagen, wir hatten unser Ziel erreicht. Wir haben “wild” unsere Gedenktafel an der Vorderfront des Rathauses geklebt. Unser Sohn Arno hat dann mit den Jugendlichen Räume im ersten Stock besetzt und vom Balkon des Rathauses das Wort ergriffen, auch unsere Spruchbänder wurden hier aus dem Fenster gehängt.

Natürlich waren wir darauf vorbereitet, dass die Polizei eingreifen würde, aber nicht so brutal, wie sie es tat. Die Polizisten waren sehr zahlreich erschienen, es kam zu Schlägereien vor dem Rathaus. Wir wurden dann in unserem Autobus , beleitet von Polizeiwagen mit Sirengeheul und Blaulicht zum Polizeirevier gebracht. Ungefähr zehn Polizisten stellten sich in den Miittelgang unseres Busses, um uns zu überwachen. Es war eine unglaubliche Weise uns zu behandeln, vor allem wenn man daran denkt, wie zurückhaltend de Polizei reagiert hatte, als Menschen in Lebensgefahr waren, als die Skinheads ihre Molotowcocktails in die Asylantenheime warfen. Da war die Polizei nicht da.

Da das Polizeirevier uns nicht alle aufnehmen konnte, mussten wir die ganze Nach in einer kalten Turnhalle verbringen, die zum Polizeirevier gehörte. Der Bus blieb im Hof stehen, wir wurden die ganze Nacht verhört, ungefähr bis 4 Uhr morgens. Ein Staatsanwalt wurde aus Westdeutschland hinzugezogen und der französische Konsul traf aus Hamburg bei uns ein. Am nächsten Morgen durften wir gegen 11 Uhr unseren Bus besteigen. Die drei Zurückgebliebenen wurden dann in Rostock angeklagt.

Wir waren aber fest davon überzeugt, dass wir richtig gehandelt hatten und das die jüdischen Opfer das Recht auf Einmischen in Deutschland hatten, wenn Neo-Nazis mit Gewalttaten gegen Asylanten vorgingen. Unser Vorgehen wich wahrscheinlich von den üblichen Gegendemonstrationen ab, aber wir haben immer wieder behauptet : das Recht der Söhne und Töchter der deportierten Juden aus Frankreich war gerecht, selbst wenn wir gegen das Gesetz verstiessen, das will aber nicht viel heissen.

Unsere Organisation ist natürlich sehr erfreut, dass diese Tafel , deren Text von uns geschrieben wurde, heute hier am Rathaus angebracht wird. Zu dieser Tafel gehört natürlich auch die Beschreibung darüber, unter welchen Bedingungen die erste Tafel im Oktober 1992 geklebt werden konnte. Wir wollen nicht dass der Eindruck entsteht, es war eine offizielle Veranstaltung mit Zustimmung des Bürgermeisters.

Nein, es war eine kleine Gruppe von französischen Juden, die mit ihrem Vorgehen hier auf eine allgemeine Ablehnung stiess, und von der Polizei brutalisiert wurde. Aber sie hatte diese Solidaritätsaktion mit gutem Gewissen durchgeführt, denn sie war sich ihren Verpflichtungen bewusst, dort einzuschreiten, wo Menschen verfolgt werden und in Todesgefahr sind.

Deswegen, liebe Teilnehmer dieser Veranstaltung, vergesst nicht, wer diese erste Tafel angebracht hat und unter welch schwierigen Bedingungen.

Beate Klarsfeld und alle Mitglieder der Fils et Filles des Déportés Juifs de France

Gedenktafel

Das gebrannte Kind von Rostock-Lichtenhagen Innenminister Caffier verharmlost rechte Gewalt

Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes- Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA e.V.) erklärt:

Als Anmelderin und MitorganisatorInnen der bundesweiten Demonstration am 25. August 2012 im Gedenken an das Pogrom in Rostock –Lichtenhagen vor 20 Jahren sind wir entsetzt über die Geschichtsvergessenheit des mecklenburgischen Innenministers Caffier. Er befürchtet „linksextremistische Ausschreitungen“ am kommenden Wochenende und gibt sich wehrhaft. „Es wird nicht passieren, dass wir zu wenige Einsatzkräfte haben. Da bin ich ein gebranntes Kind“ oder etwa zu heiß gebadet?

Ausgerechnet im Vorfeld der Gedenkdemonstration unter dem Motto „20 Jahre nach den Pogromen – Grenzenlose Solidarität“ stellt Caffier, in dessen Bundesland die geistigen Brandstifter der NPD sogar im Parlament sitzen, die Tatsachen auf den Kopf. Nicht gegenüber der antifaschistischen Solidaritätsdemonstration am 29. August 1992 hat die Polizei versagt, sondern gegenüber den Pogromisten und Mordbrennern von Lichtenhagen eine Woche zuvor. Die wenigen mutigen AntifaschistInnen, die am 23. August 1992 versuchten, sich dem rassistischen Mob in den Weg zu stellen, wurden erhaftet. Der Mob tobte unter den Augen der Polizei weiter. Am Montag dem 24. August 1992 konnte der Mob Vollzug melden: Lichtenhagen war „ausländerfrei“.

Diejenigen, die ihre Solidarität mit den gewaltsam vertriebenen Flüchtlingen und ehemaligen vietnamesischen VertragsarbeiterInnen demonstrieren wollten, traf nur einige Tage später die geballte Staatsgewalt. Stundenlang wurden Busse mit AntifaschistInnen aufgehalten und durchsucht, olizeihubschrauber hielten Autokonvois an, abertausende Polizisten waren im Einsatz. Sind das die Bilder die Caffier wiederholen will? Neonazis, Rassisten und diejenigen, die sich schon damals als die eigentlichen Opfer sahen, diejenigen Bürger deren Sorge mehr dem Ansehen von Lichtenhagen, Rostock und Deutschlands galten, als den gehetzten und gequälten Immigranten von Lichtenhagen, werden sich ins Fäustchen lachen.

Die VVN-BdA wurde 1947 von Menschen gegründet, die Rassismus, Verfolgung und Ausgrenzung am eigenen Leib erfahren hatten, aber auch Unterstützung und Solidarität. Für viele von uns hat das Pogrom von Lichtenhagen schlimmste Erinnerungen wachgerufen.

Am 25. August 2012 werden wir dem Pogrom von 1992 gedenken. Am Rostocker Rathaus wird um 11 Uhr eine Gedenktafel angebracht werden, die an die
Ereignisse von 1992 erinnert. Bereits im Oktober 1992 hatte eine Gruppe französischer Juden und Roma dies vergeblich versucht.

Ab 14 Uhr startet eine antifaschistische Gedenkdemonstration am S-Bahnhof Lütten-Klein, die zum Sonnenblumenhaus führt. Zur Demonstration haben mehr als 100 Organisationen und Gruppen aufgerufen.

Grenzenlose Solidarität statt Rassismus!

Filou vom Berlin Boom Orchestra zu den Pogromen 1992 in Rostock

Ich habe als Kind die Pogrome im Fernsehen gesehen. Tausende Anwohnerinnen und Anwohner klatschten im Schein eines brennenden
Wohnhauses Beifall für jeden Molotowcocktail und riefen „Deutschland den Deutschen.“ Meine Eltern waren danach mit mir auf einer
Lichterketten-Demo in Berlin. Meine erste Demo. Rostock war nicht das erste Pogrom in Deutschland und leider auch nicht das letzte. Die Demo
war auch nicht meine letzte. Lichterketten sehen vielleicht schön aus, aber sie haben gegen den Rassismus der „ganz normalen Deutschen“ wenig
ausrichten können. Ein Sarrazin kann mit rassistischen Themen punkten, Behörden schikanieren Flüchtlinge und eine Naziterrorbande kann
jahrelang mit Unterstützung deutscher Geheimdienste Menschen ermorden, die die meisten „ganz normalen Deutschen“ wohl nicht als Teil dieses
Landes betrachten würden. Ich finde es wichtig, Solidarität mit von Rassismus Betroffenen zu zeigen und meine Rolle als weiße, privilegierte
Person zu hinterfragen. Deshalb fahre ich nach Rostock und weil einer Gesellschaft, die solche Dinge hervorbringt, mit allen Mitteln und auf
allen Ebenen entgegengetreten werden muss.

Es geht nicht nur darum sich zu erinnern und zu mahnen, sondern auch darum, etwas gegen Rassismus zu unternehmen

Erklärung des Migrantenrates der Hansestadt Rostock zu „20 Jahre Lichtenhagen“
Rostock, 20.08.2012

Die schrecklichen Ereignisse von Lichtenhagen sind neben Mölln, Solingen, Hoyerswerda und vielen anderen nur ein Teil der rechtextremistischen und rassistischen Gewalt in Deutschland.

Die Spitze des Eisbergs der rassistischen Gewalt sind die bis jetzt unerklärlichen Terror-Morde der Nazi-Terrorzelle NSU an Migranten in den letzten Jahren.

Die vollkommene Aufklärung dieser feigen Morde und die Verbindung der NPD mit dem NSU und der Nazi-Terror in Deutschland müssen nicht jahrelang andauern. Die juristische Aufklärung der Ereignisse von Lichtenhagen hat 10 Jahre gedauert und nur ironische Bestrafungen hervorgebracht (nur 3 Gefängnisstrafen und 3 weitere auf Bewährung). Heute, so wie damals, hat man wichtiges Aufklärungsmaterial verschwinden lassen und die politischen Verantwortlichen für das katastrophale Krisenmanagement auf Kommunal- Landes- und Bundesebenen wurden nicht zur Rechenschaft gezogen. So etwas darf sich nicht wiederholen!

Wenn etwas aus dem Pogrom von Lichtenhagen aus unserer Sicht zu lernen ist, dann dass MigrantInnen und Menschen nicht als Kanonenfutter politischer Kämpfe und Auseinandersetzungen ausgenutzt werden dürfen. Damals wurden die schweren Ausschreitungen von Lichtenhagen dazu benutzt, die Asyldebatte im Bundestag zu beenden und das Asylrecht im Grundgesetz zu ändern.

Auf Grund der neuen Entdeckungen und Studien, muss die Geschichte der rechtextremistischen Gewalt und die Rolle des Staates (besonders die Rolle des Verfassungsschutzes) bei ihrer Bekämpfung in den letzten 20 Jahren neu geschrieben werden und Lichtenhagen ist ein wichtiges Kapitel in dieser Geschichte.

Es ist eine Schande für dieses Land, dass es bis heute nicht eine Gedenktafel, nicht ein Denkmal, nicht ein Museum gibt, das die jetzigen und zukünftigen Generationen an diese schrecklichen Ereignisse erinnert, mahnt und aufklärt. Die Politik und die Gesellschaft tun sich in diesen Fragen schwer. Das beweist auch der erfolglose Versuch der Initiative den Neudierkower Weg nach dem Rostocker Opfer der rechten Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) in Mehmet-Turgut-Weg umbenennen zu lassen.

Aus unserer Sicht und aufgrund der Lehre von Lichtenhagen und vieler anderer Tatsachen müsste die NPD schon lange verboten worden sein. Stattdessen hören wir immer noch seit mehr als 10 Jahren von einigen Politikern das alte Lied „mit dem Verbot lösen wir nicht das Problem“. Das wissen wir, die wir auch die tägliche Aufklärungsarbeit gegenüber Rassismus und Rechtsextremismus bereits seit vielen Jahren durchführen. Dieses Verbot aber ist ein wichtiger Aspekt und Teil einer Gesamtstrategie zur Bekämpfung des Rechtextremismus in Deutschland.

Die Lektionen der Lichtenhagener Ereignisse müssen uns helfen, Fehler nicht zu wiederholen. Die Asylbewerber brauchen bessere und menschenwürdigere Lebensbedingungen. Die dezentrale Unterbringung der Asylbewerber muss vollzogen werden. Es ist bewiesen, dass es viel billiger ist, diese Menschen in Wohnungen unterzubringen, statt in Heimen, weg von Städten und in großen Konzentrationen.

In den nächsten Tagen werden viele Aktivitäten, Diskussionen, Treffen, Demonstrationen, etc. in Rostock stattfinden. Wir rufen alle Bürger und Bürgerinnen dazu auf, sich aktiv und friedlich daran zu beteiligen. Nur mit einer aktiven und friedlichen Partizipation der Mehrheit der Gesellschaft kann man den Rassismus und Rechtextremismus stoppen.

Kontakt: Migrantenrat der HRO (MIGRO), Telefax: 0381-4591001, E-Mail: ABRO-[ätt]t-online.de

Erklärung der Dänischen Kommunistischen Partei

Der 33. Kongress am 16. und 17. Juni 2012 der Dänischen Kommunistischen Partei (DKP) drückt seine völlige und feste Unterstützung aus, an die von Euch geplante Demonstration am 25. August 2012 anläβlich des 20. Jahrestag des rassistischen und neo-faschistischen Progrom in Rostock-Lichtenhagen.

Wir unterstützen Eure Kampagne gegen den Rassismus und für die grenzenlose Solidarität.
Zu jeder Zeit hat der Faschismus eine Minderheit als Sündenbock für die Probleme des Kapitalismus benutzt, so auch heute.
Völker aller Länder müssen sich gegen den Faschismus wenden und ihn mit aller Macht bekämpfen, sobald der Faschismus sein wahres Gesicht zeigt!

Im Namen aller Teilnehmer
gez. Jacob Jensen
Mitglied des Leitungsgremium der DKP

Erklärung des Vereins Demos zur antirassistischen Demonstration am 25.8. in Rostock

Wir vom antifaschistischen Verein Demos und dem Antirassistischen Netzwerk Kopenhagen unterstützen die antifaschistische Demonstration am 25.8. in Rostock-Lichtenhagen. Die rassistische Politik und die faschistische Gewalt, die vor 20 Jahren zum Pogrom führten und uns in Dänemark tief betroffen machten, gibt es noch immer. Noch immer werden die Opfer des Rassismus nicht beschützt und diejenigen, die den Rassismus aktiv bekämpfen, werden als Extremisten ausgerufen.

Wir solidarisieren uns mit Eurem Kampf gegen Rassismus und rassistische Gewalt. Für die internationale Solidarität!

Anne Jessen
Demos und Antirassistisches Netzwerk Kopenhagen

Was sagt Kutlu Yurtseven von der Microphone Mafia zu den Pogromen vor 20 Jahren

Vor zwanzig Jahren, als 19 jähriger, sah ich die Welt mit anderen Augen und die Wiedervereinigung freute mich auch, doch mit Rostock-Lichtenhagen begann ein sehr dunkles Kapitel unserer Zeit und mein Bild wurde jäh zerstört!

Ich sah Menschen, die Asylantenheime und Wohnhäuser anzündeten, Polizisten und Feuerwehrleute, die dabei standen, Politiker die das Leid der Opfer nutzten um Gesetzte gegen diese Opfer zu erlassen und der Mob, der auch mein Nachbar hätte sein können, applaudierte! Von dem Tag an wusste ich, dass sich einiges geändert hat und Mölln und Solingen bestätigten diesen Alptraum! Daher darf man nicht vergessen, man muss die, wenn auch traurige, Erinnerung aufrecht erhalten und jedem zeigen, dass wir auch 20 Jahre nach dem Angriff wir mit allen Opfern der Vergangenheit , der Gegenwart und der Zukunft solidarisch sind und zusammen gegen den Faschismus auf der ganzen Welt Schulter an Schulter stehen!

Esther Bejarano meldet sich zu Wort

Esther Bejarano, die Vorsitzende des Auschwitzkomitees, Ehrenvorsitzende der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN-BdA e.V.) und Trägerin des Bundesverdienstkreuzes erklärte vor wenigen Tagen:

„Ich finde es wichtig genau dort zu demonstrieren, wo sich vor 20 Jahren dieses unfassbare Pogrom ereignet hat. Es ist absolut notwendig sich vor
Ort damit auseinanderzusetzen, dass Nazis Menschen umbringen wollten, Nachbarn geklatscht haben und die Behörden keinen besonderen Grund zum Einschreiten sahen. Man kann doch nicht einfach so tun, als habe es das nicht gegeben …“

Esthers Worten gilt es Taten folgen zu lassen. Kommt am 25. August nach Rostock um mit uns gemeinsam ab 14Uhr am Bahnhof Rostock Lütten Klein gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und das vergessen der Pogrome vor 20 Jahren zu erinnern!